Fairtradedschungel – was wird wirklich besiegelt?

Das Siegel ist im Supermarkt kaum noch zu übersehen und klebt praktisch überall : auf Reis, Bananen, Kokosnussöl, Zucker und vorneweg natürlich auf Kaffeepackungen. Verbraucher*innen entwickeln zunehmend ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit und Fairness im Handel von Lebensmitteln. Der Kauf von Bio und Fairtrade Produkten nahm in den letzten Jahren drastisch zu und wächst stetig. Hinter diesem bewussten Kaufverhalten steckt die Absicht, Entwicklungsländern höhere Vergütungen zu garantieren und sie zunehmend wirtschaftlich unabhängig zu machen. Dass Produkte mit einem Siegel teurer sind, nehmen Verbraucher*innen dafür gerne in Kauf, denn es geht schließlich um einen guten Zweck. Aber was versprechen oder eher „besiegeln“ Aufdrucke wie Fairtrade eigentlich in der Realität?

Fairtrade wurde vor 25 Jahren in Großbritannien von Entwicklungs- und Verbrauchergruppen wie Oxfam und dem Women’s Institute ins Leben gerufen und hat sich seitdem zu einem gigantischen Markt entwickelt. Alleine in Deutschland gibt es rund 2.000 verschiedene Produkte in 42.000 Supermärkten, Cafés und Restaurants. Man kann von einem wahren Fairtrade-Trend sprechen, bei dem jeder mitziehen will. Händler*innen wissen über die positive Kauflenkung, welche die Siegel mit sich bringen.

Jedoch ist vielen Verbraucher*innen nicht bewusst, dass jedes dieser Siegel von einer eigenen Organisation ausgeht und somit auch ganz individuelle Werte und Richtlinien vertritt. So können sich Organisationen auf grundlegend unterschiedliche Richtlinien konzentrieren, um die Bezeichnung “Fairtrade” rechtfertigen zu können. Als Beispiel: Anstatt faire Arbeitsverhältnisse zu gewährleisten, legt eine Organisation mehr Wert auf nachhaltigen Anbau der Produkte. Den vielen Bauern ist damit nicht geholfen. Im Gegensatz zu den Begriffen „öko“ oder „bio“ sind Produkte unter der Bezeichnung „fair“ nicht rechtlich geschützt und kontrollierbar. Eine weitere Grauzone befindet sich in der seit 2001 bestehenden Regelung, dass anstelle der zuvor 50% nur noch 20% der Inhaltsstoffe von Mischprodukten fair produziert sein müssen, um als Fairtrade bezeichnet zu werden. Ein Schritt hin zu mehr Transparenz wäre, dass zumindest der Fairtrade Anteil auf den Produkten direkt für die Verbraucher*innen auf dem Etikett ersichtlich ist. Bisher ist der prozentuale Anteil lediglich im Kleingedruckten des Inhaltsstoffe Verzeichnisses zu finden.

Besonders wichtig ist der Fairness Faktor in der Kaffeeindustrie, denn Anbau und Ernte finden in den Entwicklungsländern sehr oft unter prekären Bedingungen statt. Das Ziel von Fairtrade: Faire Löhne, keine Kinderarbeit, Umweltstandards einhalten und einige mehr. Während einer umfangreichen Studie fanden Wissenschaftler allerdings heraus, dass Fairtrade Produkte rückblickend auf über 10 Jahre Erfahrungswerte keinen positiven Effekt auf die Arbeitsverhältnisse gehabt haben. Die Löhne aus verwandten Bereichen mit vergleichbaren Arbeitgebern, jedoch ohne Fairtrade-Zertifizierung, waren in der Regel sogar höher und die Arbeitsbedingungen besser (https://www.zeit.de/wirtschaft/2014-08/fairetrade-kaffee). Der Mehrpreis, den Verbraucher*innen für zertifizierte Produkte bezahlen, kommt nicht in gleicher Höhe bei den Produzent*innen an. Die Gewinne großer Unternehmen würden oft nicht bis zur armen Bevölkerung “durchsickern”. Somit profitiert meist nur ein kleiner Teil von den Vorteilen des Siegels.

Mit über 5.000 Euro Zertifizierungskosten hat Fairtrade seinen Preis. Obwohl die Siegel zwar wirtschaftliche Vorteile bringen, bleibt die Wertschöpfung sehr gering und eine positive Entwicklung lässt sich kaum feststellen. Letztendlich aber ist Fairtrade ein Schritt in die richtige Richtung und lenkt Aufmerksamkeit auf viele der heute bestehenden Problematiken der Landwirtschaft. Trotzdem muss die Aussagekraft und Transparenz des beliebten Siegels kritisch hinterfragt werden.

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